Berlin… Endstation

Roman

Aus dem Einbandstext:

Eigentlich heiße ich Joseph Leschinsky, aber da manche Leute Leschinsky zu lang fanden,
nannten sie mich Lesche. An Lesche habe ich mich gewöhnt, und dieser Name ist mir geblieben
und ersetzt sogar meinen Vornamen, einfach so: Lesche.
»Und Sie wollen in Deutschland bleiben?«
»Ich habe die Schnauze voll von Amerika.«
  Singer spielte mit seinen Kreuzworträtseln, und seine Finger fuhren fast zärtlich über das Papier.
»Sie werden als Jude nicht lange in Deutschland leben können«, sagte er dann.
»Ich habe mir die Sache gründlich überlegt«, sagte Lesche.
»Ich bin deutscher Schriftsteller und brauche die deutsche Sprache.
  Ich muß sie hören, immer und überall. Außerdem ist
  Deutschland heute ein demokratisches Land. Der Hitlerspuk
  ist längst vorüber, und inzwischen ist eine neue
  Generation herangewachsen.«
»Der Holocaust wird Sie überall in Deutschland verfolgen.
  Jedes Haus, jede Straße wird Sie daran erinnern. Und die alten Leute.
 Es gibt kein Entrinnen. Glauben Sie’s mir.«
»Man muß es auf einen Versuch ankommen lassen.«
Lesche schlürfte den wäßrigen Kaffee.
»Ich habe unlängst in einer jüdischen Zeitung gelesen«, sagte er dann,
»daß die Deutschen in der Hauptstadt ein Holocaustmahnmal errichten wollen.
  Was halten Sie davon?«
»Das ist ein schlechter Witz«, sagte Singer. »Wozu brauchen die Deutschen ein Mahnmal?
  Ganz Deutschland ist ein Holocaustmahnmal.«
»Ganz Deutschland?«
»Ja. Ganz Deutschland.«

E. Hilsenrath: Berlin… Endstation
ISBN 3-937717-08-0, ca. 192 Seiten, gebunden, Köln 2006
Werkausgabe im Dittrich Verlag,  Herausgegeben von Helmut Braun